Volkswagen treibt die Verlagerung seiner Software-Strategie zu Rivian aus den USA mit einem Tempo voran, das in Wolfsburg bislang ungewöhnlich war. Das im Sommer 2024 gestartete Joint Venture mit dem kalifornischen Elektroauto-Bauer hat sich laut offizieller VW-Mitteilung von einer technischen Kooperation zu einem strategischen Software-Hub für den gesamten Konzern entwickelt. Damit drückt Wolfsburg die Rolle der eigenen Software-Tochter Cariad deutlich zurück.
Cariad: vom Rettungsanker zur Restposten-Einheit
Als Cariad 2020 unter Herbert Diess gegründet wurde, sollte die Tochtergesellschaft die Software-Hoheit für alle Konzernmarken bündeln. Stattdessen bremste die Wolfsburger Einheit Audis Q6 e-tron und Porsches elektrischen Macan um Jahre. Die Folge: 2024 wurden rund 1.600 Stellen abgebaut, der Vorstand komplett ausgewechselt, und die geplanten Software-Plattformen E3 1.2 und E3 2.0 in ihrer Reichweite stark reduziert. Manager Magazin sprach von der teuersten Lernerfahrung in der Geschichte des Konzerns.
Die im November 2024 erweiterte Allianz mit Rivian, die VW laut offiziellen Angaben bis zu 5,8 Milliarden US-Dollar kostet, soll die Lücke schließen. Geleitet wird das 50/50-Joint-Venture von Wassym Bensaid (zuvor Rivian) und Carsten Helbing (zuvor VW), Hauptsitz ist Palo Alto.
Was das JV technisch liefert
Das Joint Venture stellt nach Konzernangaben eine sogenannte zonale Elektronikarchitektur bereit, bei der wenige leistungsfähige Steuergeräte die heute über hundert Steuergeräte in einem typischen VW-Modell ersetzen. Diese Architektur, von Rivian mit dem R1S/R1T zur Marktreife gebracht, verkürzt nach Reuters-Recherchen die Time-to-Market für neue Funktionen von Jahren auf Wochen und ermöglicht echtes Over-the-Air-Updaten ähnlich Tesla.
Für VW bedeutet das: ID. EVERY (Markteinführung 2026) und die kommende Trinity-Generation (geplant ab 2028) werden voraussichtlich mit Rivian-Software starten. Auch Audi-Modelle mit der nächsten PPE-Variante sowie Porsches elektrischer Cayenne sind in der Roadmap des JV vorgesehen, berichtet Handelsblatt unter Berufung auf Konzernkreise.
Folgen für den deutschen IT-Standort
Die Wolfsburger Entscheidung trifft eine schwierige Phase der deutschen Automobil-Software-Industrie. Bosch, Continental und Vector hatten gehofft, im Schatten Cariads große Plattform-Aufträge zu gewinnen. Stattdessen fließt ein zweistelliger Milliardenbetrag in eine US-Tochter, mit absehbaren Folgen für rund 5.000 Cariad-Beschäftigte in Ingolstadt, Wolfsburg und Berlin, deren Aufgabenfelder schrumpfen.
Die Bundesregierung hat sich bislang zurückhaltend geäußert. Der VDA verwies auf Anfrage darauf, dass globale Software-Partnerschaften für die Wettbewerbsfähigkeit unerlässlich seien. Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst warnte allerdings Anfang April in einem Statement, dass Deutschland die kritische Masse an automotiver Software-Kompetenz zu verlieren drohe.
Die nächste Bewährungsprobe
Spannend wird der 30. April. Bei der Vorlage der Q1-Zahlen 2026 dürfte CEO Oliver Blume erstmals konkrete Meilensteine für die Rivian-Integration nennen. Investoren erwarten klare Aussagen zur Auslieferungsplanung der ID. EVERY-Software sowie zur Roadmap der verbleibenden Cariad-Plattformen. Die Antworten werden zeigen, ob Wolfsburg seine Software-Probleme tatsächlich gelöst hat oder nur ausgelagert.
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